
Nach dem sensationellen Erfolg von „Wächter der Nacht“ hat Lukianenko zwei Jahre später eine langerwartete Fortsetzung geliefert. Hierzulande hat es natürlich weniger gedauert – alle Bänder sind zwischen Herbst 2005 und Frühjahr 2007 schnell hintereinander erschienen. Doch dessen unbeachtet, ist Wächter des Tages der Versuch, die andere Seite der Wachen zu durchleuchten. Und so ist die Hexe Alissa, die im ersten Buch episodenhaft erscheint, im ersten Drittel des zweiten Buchs die Hauptperson. Verdammt ungewöhnlich, aber – auch verdammt spannend. Wir bekommen Einblick ins Hauptquartier der Dunklen, (das viel luxuriöser liegt, als das der Lichten), und in die Mentalität der Dunklen Anderen aus erster Hand.
Außerdem wird mit „Wächter des Tages“ die Frage eingeführt, die im folgenden Teil noch mehr zur Geltung kommen und das Potential der Reihe erst richtig zum Entfalten bringt: „Was wäre wenn?“ In diesem Falle ist die Frage „Was wäre wenn ein Anderer seine Kraft verliert und sich wie ein Mensch verhalten muss?“ Und es ist durchaus spannend, dieser Frage nachzugehen.
Die zweite Geschchte entstand in Zusammenarbeit mit Schriftsteller Wladimir Wassiljew, und dem ist auch der ungewöhnliche Stil dieser Geschichte geschuldet. Leider ist Wassiljew nicht Lukianenko, wenn es um treffende Ausdrucksweise geht (auch wenn es in der deutschen Fassung nicht so sehr ins Auge springt) – und deswegen hinterläßt die höchst ungewöhnliche Geschichte von Witali Rohosa, dem Anderen mit Amnesie auch einen etwas ziespältigen Eindruck. Dennoch ist es eine starke Geschichte, die mir aus dem Gedächtnis als erste springt, wenn ich an „Wächter des Tages“ denke.
Die dritte Geschichte ist leider weniger spannend. Hier bekommen wir als Leser einen ausführlicheren Kontakt mit der Inquisition und ihrer Funktion bei den Wachen. Bei der Handlung indes passiert nicht allzu vieles – es wird weniger geklotzt, als gegrübelt, weniger gezaubert, als kombiniert und recherchiert. Interessant ist allerdings die Einbindung der Legende von Siegfried und Fafnir ins Universum der Anderen – sowie ein „Duell der Meinungen“ zwischen Anton und Edgar.
Leider schaffen es Lukianenko und Wassiljew nicht, einen konstanten Ich-Erzähler zu behalten, und somit ein vollständiges Gegenstück zum ersten Buch herzustellen. So wird jede Geschichte aus einer anderen Perspektive erzählt, bei der dritten fehlt der Ich-Erzähler komplett, und die Geschichte teilt sich auf Anton und Edgar auf. In der Reihe der Wächter-Romane, die ansonsten alle von Antons Gesichtspunkt geschrieben sind, sticht dieser ständige Wechsel der Erzählperspektive heraus. Aber vielleicht wollte man ja auch kein richtiges Gegenpol zu der Nachtwache schaffen…
Urteil: fast so gut wie Band eins, mit einigen Abstrichen beim Stil.
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