
Moskau, Ende der 90er Jahre. Die Welt, wie wir sie kennen, ist nur eine Fassade. Im Wirklichkeit gibt es eine Parallelwelt, das „Zwielicht“ – und Menschen, die die Fähigkeit haben, in diese Welt einzutauchen. Diese sogenannte „Anderen“ zählen sich nicht zu den Menschen, und verfügen über magische Kräfte. Zu dumm, dass diese entweder Kräfte des Lichts oder des Dunkels sind. Und so koexistieren neben uns Zauberer, Wunderheiler, Formwandler einerseits – und Hexer, Vampire und Tiermenschen andererseits. Und weil ein Krieg zwischen den Lichten Anderen und den Dunklen Anderen die ganze Menscheit ins Verderben stürzen drohte, wurde vor langer Zeit ein Vertrag über den Waffelstillstand geschlossen. Es gilt, dass jede magische Einwirkung sanktioniert werden muss. Zur Kontrolle gibt es zwei magische Behörden: die Nachtwache, die aus Lichten Anderen besteht, und nachts die Kräfte des Dunkels überbewacht – und die Tagwache, die im Gegenzug über die Lichten Anderen wacht.
Geschichte 1: Das eigene Schicksal
Anton Gorodezki ist Mitarbeiter der Nachtwache, ein Lichter Magier mit schwachen Fähigkeiten. Nachdem sein Chef, Boris Ignatjewitsch, meinte, Anton habe viel zu lange im Rechenzentrum der Nachtwache rumgetrödelt, gibt er ihm einen operativen Auftrag. Ein Vampirpärchen wildert ohne Lizenz, und Anton muss sie ausfindig machen. Beinahe schafft es dieses Pärchen, einen kleinen Jungen namens Jegor zu wildern – bis Anton dazwischenkommt, und den Vampir umbringt. Jegor dennoch zieht die Aufmerksamkeit von Antons Chef auf sich – er hat das Potential eines mächtigen und noch nicht initiierten Anderen… allerdings ist die flüchtige Vampirin noch immer hinter ihm her. Und währenddessen passiert ein weiteres Unheil, das die Aufmerksamkeit aller Wächter benötigt – eine Frau, die er zufällig in der Metro getroffen hat, hat einen riesigen Wirbel der Verdammnis über ihrem Kopf – ein so genanntes Inferno, das halb Moskau in Schutt und Asche legen könnte…
Geschichte 2: Der eigene Kreis
In Moskau geht ein Lichter Anderer umher, der sich anscheinend selbst initiiert hatte. Er ist nur fähig, Dunkle Anderen zu erkennen, und sieht es als seine Mission, sie umzubringen. Ein solches Verhalten kann im Zustand eines Kalten Krieges schnell eskalierend wirken, deswegen verlangt der Chef der Tagwache, Sebulon, Nachweise über die Alibis der Mitarbeiter der Nachtwache. Anton hat als einziger kein Alibi und kommt so unter Verdacht. Nun muss Anton den wahren Mörder schnell finden. Um ihm mehr Zeit zu verschaffen, läßt Boris Iwanowitsch Geser, Anton seinen Körper mit seiner Geliebten, der Zauberin Olga, tauschen…
Geschichte 3: Im eigenen Saft
Es ist Hitzewelle in Moskau. Die Nachtwache wird für ein Wochenende Urlaub auf die Datscha von Tigerjunges, einer jungen Formwandlerin, fortgeschickt. Doch während sich Anton auf der Datscha mit seiner Beziehung zu Svetlana, der potentiellen Großen Lichten Zauberin auseinandersetzt, kommt ein Plan von Geser zur Vollendung, bei dem die so genannte Kreide des Schicksals zur Wirkung kommen soll…
Rezension

Die Welt der „Wächter“ von Lukianenko ist so vielschichtig und reichhaltig, dass buchstäblich jede Rezension damit beginnt, diese zu erklären. Dennoch ist sie, wenn man sie erst begriffen hat, unheimlich attraktiv und wirkt clever konstruiert.
Es ist ein Vergnügen, mit Anton zusammen in diese Welt vorzudringen und Erkenntnisse zu gewinnen. Denn die Informationen fließen spärlich, wie bei einem Adventskalender, der Fenster nach Fenster geöffnet wird. Zuerst ist man in einem zeitgenössischen Moskau, und fährt mit der Metro, geht durch die dreckigen Hinterhöfe und sieht das Leben auf Russlands Strassen – dann merkt man, dass dahinter sich etwas phantastischeres verbirgt – und dann wird man von Anton als Ich-Erzähler an die Hand genommen und in die komplexe Zwielicht-Situation eingeführt. Wir erfahren vom Grossen Vertrag, der nicht aufgeschrieben werden darf, sondern nur auswendig gelernt werden muss, und von den beiden Intriganten Geser und Sebulon, die wie bei einem Schachspiel versuchen, ihren Vorteil mehrere Schritte im Voraus am Vertrag vorbei auszuarbeiten. Der Vertrag als solches ist eine ausgezeichnete Idee, die der Reihe viel Potential gibt, um sich zu entwickeln. Durch die Aufspaltung in drei Kurzgeschichten wirkt das Buch auch recht kurzweilig, wobei sich die einzelnen Mini-Auflösungen aufeinander aufbauen, und wie jenes metaphorische Schachbrett von Geser und Zavulon mit Figuren füllen.
Außerdem – es ist einfach mal eine tolle Idee, hinter die Kulissen des Magischen zu sehen. Das alltägliche Büroleben der Anderen ist nämlich nicht anders, als jedes menschliche Leben im Büro: da wird getuschelt, es werden Intrigen gesponnen, Affären finden statt. Nicht umsonst wird bei den Wächter-Büchern oft das Buch der Gebrüder Srugazki „Der Montag fängt am Samstag an“ (auch äußerst empfehlenswert – und gibt es auf Russisch sogar umsonst im Netz) zitiert – es sind sehr verwandte Bücher.
Einige Worte zur deutschen Übersetzung. Im Vergleich zur Russishen ist die Übersetzerin Christiane Pöhlmann um einen etwas weniger umgangssprachlichen Stil bemüht, als Lukianenko es im Original tut. In Russisch sprechen die Helden eine lebendige und natürliche Sprache, die in Deutsch manchmal etwas hochgesponnen wirkt – das ist aber bei den meisten deutschen Übersetzungen aus dem Russischen der Fall. Offensichtlich gibt es bei den deutschen Übersetzern eine Schule dafür… Wie dem auch sei, ansonsten ist die Übersetzung sehr wohl gelungen. Einige Anspielungen, die im Russischen übergangen werden, weil sie jeder kennt, werden im Deutschen unaufdringlich erklärt; russische Liedtexte wurden in der Reimform übertragen. Wer aber des Russischen einigermaßen mächtig ist, dem kann ich nur ans Herz legen, das Original zu lesen.
Urteil: Einstieg in eine Welt, die süchtig machen kann.
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