
Das vielleicht stärkste Buch der Reihe, wartet Wächter des Zwielichts mit Antworten auf viele Fragen auf. In diesem Buch wird nämlich die Entwicklung der „Was wäre wenn“ Situation regelrecht ausgeforscht: „Was wäre wenn man Menschen zu Anderen machen könnte“, „… die Menschen von den Anderen wüßten“ und „…es keine Anderen mehr gäbe“. Letztendlich wird die gesamte Natur der Anderen in diesem Buch unter die Lupe genommen und erklärt. Es ist nämlich so, dass die Anderen nicht stärker sind, als die Menschen, sondern schwächer…
Storytechnisch ist Lukianenko wieder in Topform, und bietet viele interessante Einblicke. Einerseits ins Mikrokosmos eines luxuriösen Apartmentgebäude für Neureiche, wo nur einige Wohnungen überhaupt belegt sind, und von denen noch weniger bewohnbar… dann das traditionelle Dorfleben auf dem Land, mit Blick auf den postsowjetischen Niedergang der Landwirtschaft – und am Ende eine Zugreise nach Kasachstan, auf der Jagd nach dem Buch Fuaran.
In diesem Teil bekommt Kostja, Nachbar von Anton und Vampir, eine höhere Rolle. Im ersten Buch wurde dieser Charakter eingeführt, im zweiten begann er seinen Dienst bei der Tagwache. Dieser Charakter unterläuft eine sehr interessante Entwicklung, vor allem in Hinblick seiner Beziehung zu Anton. Interessanterweise wurde Lukianenko, der das Buch nach dem Erscheinen des ersten Films schrieb, in seiner Charakterisierung von Kostja durch die Darstellung von Aleksei Chadov stark beeinflusst, die er ins Buch einfließen ließ. Auf diese Weise gab der Film auch dem Buch etwas zurück.
Eine andere Geschichte ist das Aufbauen einer Freundschaft zu einem Menschen – etwas, was vorher kaum thematisiert wurde, denn aus vorherigen Teilen wissen wir, dass die Anderen es vorziehen, unter sich zu bleiben. Und zwar lernt Anton einen interessanten Typen namens Lass kennen. Dieser existiert übrigens tatsächlich und ist ein Freund von Sergej Lukyanenko – und Autor von schwer jugendgefährdenden (aber urkomischen) Liedern, die auch im Buch vorkommen. Wobei diese durch die deutsche Übersetzung etwas verwässert wurden. „Früher, was habe ich da für Geschäfte gemacht!“ ist eben nicht dasselbe wie „Früher, was hab ich Eingeweiden ausgequetscht“, wie es im russischen Original hieß. Und auch sonst liest sich hier die Übersetzung teilweise etwas holprig. „Penka“ der Milch wird mit „Schaum“ übersetzt, wobei es aber die Filmschicht bezeichnet, der sich beim Kochen auf der Milch bildet. Aber das sind Details, die den Gesamteindruck nicht wirklich zu schmälern vermögen.
Urteil: so ziemlich das stärkste von den Wächter-Büchern, mit Verbindungen zur russischen Folklore.
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