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Wächter-BücherDas SchlangenschwertSpektrumWeltengängerAutor
Weltengänger

„In deiner Wohnung nistet sich ein unbekanntes Weib ein, all deine Dokumente lösen sich in Luft auf, deine Freunde und Verwandte wissen nicht mehr, wer du bist. Du vermutest, hinter der ganzen Geschichte steckt böse Absicht. (…) Bis jetzt ergibt das alles nämlich noch eine logische Kette! Irgendeine Kraft löscht dich aus unserer Realität aus.“
Konstantin „Kotja“ Tschagin, „Weltengänger“
 
Der Computerfachverkäufer Kirill kommt eines Tages nach Hause, nur um zu entdecken, dass dort jemand anders wohnt. Sieht es zuerst aus, wie ein schlechter Scherz, so wird es zum bitterernsten Problem – nicht nur ist Kirills Name aus allen offiziellen Dokumenten verschwunden – nach und nach verlieren alle Bekannten, selbst die eigene Freundin und die Eltern, die Erinnerung an Kirill. Es hat den Anschein, als hätte die Welt ihn komplett ausgegrenzt.
Als es anscheinend nicht schlimmer werden könnte, führt ein anonymer Anruf ihn zu einem verlassenen Wasserturm am Rande Moskaus – um seine neue Bestimmung zu entdecken. Kirill wurde zu einem Funktional, einem mächtigeren Wesen, auf der Wache zwischen den Parallelwelten steht. Der Turm ist Kirills Funktion, ein Portal zwischen diesen Welten. Als sich die Türen des Portals nach und nach öffnen, wird Kirill klar, dass hinter den Funktionalen mehr steckt, als bloß eine bequeme Art, durch Parallelwelten zu reisen. Und diese Erkenntnis ist nicht allzu angenehm…
 
Rezension
 
Kirill auf ArkanDer Name Kirill war im Russischen schon immer traditionell behaftet. Die Mönche Kyrill und Method haben ihrerzeit eine slawische Schrift entwickelt, und deswegen wird die russische Schrift auch „Kyrillisch“ genannt. Der sowjetische Science-Fiction-Autor Igor Moschejko schrieb unter dem Namen Kir Bulytschow in den 60er und 70er Jahren bekannte SciFi-Geschichten für Kinder und Jugendliche. Einerseits ein Name, das tief in die russischen Geschichte verwurzelt ist, andererseits, auf „Kir“ abgekürzt, exotisch und phantastisch klingt.
 
Nun ist Kirill der Name des Hauptdarstellers von „Tschernowik“, der „Rohschrift“, das in Deutschland unter dem Titel „Weltengänger“ erschien. Mehr als das – der Name taucht in der Geschichte sogar noch bei einem anderen Charakter auf, diesmal zu „Kir“ abgekürzt – und die Verbundenheit mit der Tradition der russischen Science Fiction wird dadurch gleich doppelt aufgegriffen. Kirill ist der Mann, der plötzlich aus der Realität herausfällt, um zu seiner neuen Aufgabe geführt zu werden – die eines „Funktionalen“. Der mathematische Begriff bezeichnet einen Menschen mit besonderen Fähigkeiten, die er jedoch nur im Bereich seiner Funktion und an seinem Funktionsort ausführen kann. Das komplexe Geflecht wird nach und nach enthüllt, indem wir Kirill in seiner Suche nach dem, was mit ihm passiert, folgen – und es ist zwar nicht sofort ersichtlich, aber an sich sehr logisch überlegt. Und die Funktion, die Kirill zuteil wird, ist für die Geschichte auch am spannendsten – als Zöllner zwischen fünf Parallelwelten. So wirkt die Welt von Kimgim wie im 19. Jahrhundert steckengeblieben – und wieder mal eine Referenz an das SciFi-Genre, diesmal an den großen Jules Verne. Bei der Welt „Nirvana“ wird Wolkows russische Nachdichtung „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ von Baums „Der Zauberer von Oz“ zitiert. Und der alte Kir Sanytsch aus der sagenumwobenen Welt Arkan, die sich kaum von der Erde unterscheidet, erinnert irgendwie an den alten Roboterstatisten aus Kir Bulytschows „Die Insel des rostigen Leutnant“, auch wenn hier die Ähnlichkeit rein äußerlich ist. Auch andere Anspielungen gibt es wie von Lukianenko gewohnt: sowohl Star Wars, als auch Tolkien oder etliche Filme des russischen Kulturkreises werden hier referenziert.
 
Die Geschichte entfacht sich nach und nach, und neue Schichten des komplexen Systems der Funktionale werden offenbart. Im Gegensatz zur klischeehaften Vorgehensweise in phantastischer Literatur, wo irgendwann ein alter weiser Mann das ganze Geschehen drum herum einem vorkauen wird, gibt es in „Weltengänger“ jedoch auch falsche Fährten; die Figuren, die Informationen geben könnten, haben teilweise selbst keine Ahnung; oder sie sind nur teilweise im Bilde; oder sie geben Informationen einfach nicht her. Die Stärke des Buchs liegt daran, dass der Leser aktiv die Puzzlestücke zusammenreimen muss, um einen Ansatz zur Lösung zu finden – sie wird erst gegen Ende ersichtlich, und auch dann ist sie noch nicht endgültig.
 
Storytechnisch gestaltet sich der Roman Lukianenko-typisch episodenhaft. Man könnte es so unterteilen: „Kirill weiß nicht, was ihm geschieht“, „Kirill findet es heraus“, „Kirill findet Gefallen an der neuen Situation“ und „Kirill kommt in Konflikt mit der neuen Situation“. Die Story um Parallelwelten ist keineswegs neu, es ist allerdings das Konzept der Funktionale, das sich fast das ganze Buch lang erschließt, und das für Spannung sorgt. Kaum dass Kirill das Gesamtbild erblicken kann, kommt es zu einer Showdown-Situation, die meiner Meinung nach allerdings vielleicht etwas zu früh und plötzlich passiert. Ich hätte gerne noch länger in den Beschreibungen der Welten geschmökert, um mehr über sie zu erfahren – vor allem werden einige davon nur beiläufig erwähnt. Andererseits ist die Geschichte weniger um die fremden Welten, wie der deutsche Titel anmuten würde – sondern um einen Menschen, dem eine schmackhafte, reizvolle Aufgabe gewaltsam aufgezwungen wird. Und das Finale ist schließlich auch kein richtiges Finale, denn das Buch ist nur der erste Teil einer Dilogie: in Russland ist kürzlich die Fortsetzung „Tschistowik“ („Die Reinschrift“) erschienen. Und wenn man das Buch durch hat, machen die russischen Titel auch Sinn – wohingegen der deutsche Titel eher abenteuerlich und allgemein anmutet.
 
Eine weitere Stärke des Buches ist die stilistische. Das Buch ist durchaus reflektorisch angehaucht, wie man an den Gedankengängen von Kirill zu Anfang von Kapiteln sehen kann. Oft werden Klischees aus SciFi und aus der Literatur als hinterzufragende Referenzen herangezogen, oder psychologische Überlegungen geführt, die erstmal scheinbar nichts mit der Handlung zu tun haben – wie von Sergej Lukianenko u.a. aus „Spektrum“ gewohnt, allerdings weniger ausschweifend und schneller zur Sache kommend. Der Hang zum Postmodernen zeigt sich besonders in der Szene, in der Kirill Rat bei einem SciFi-Autor sucht, der seine Geschichte analysieren soll. In einem spaßigen Gedankenexperiment gibt der Autor, „Dmitri Melnikow“ (hinter dem der geübte Leser sofort eine Parodie auf Lukianenko selbst erkennen wird) eine Übung zum Besten, indem er die Geschichte von Kirill als Storyansatz aus den Blickwinkeln verschiedener realer, fiktiver und namentlich getarnter russischer SciFi-Autoren zu analysieren versucht. Die beiden Koryphäen Arkadij und Boris Strugazki fehlen dort ebenso wenig wie Sarow, der Held von Lukianenkos eigenem Buch (jedoch hat die Übersetzerin diese Szene leider etwas vermasselt, indem sie diesen Insidergag den Lesern direkt aufs Auge drückte).
 
Generell kann man aber auch zur deutschen Übersetzung von Christiane Pöhlmann sagen: sie ist sehr gut geworden. Die Wortspiele, die der Autor ins Buch eingestreut hat, sind weitestgehend gut übertragen worden, auch gelegentliche Reime sind durch das poetische Talent von Erik Simon erhalten geblieben. Der Stil ist auch gelungen: es scheint, als hätte Frau Pöhlmann nach fünf Büchern nun zu einer adäquaten Übertragung von Sergej Lukianenkos Sprache gefunden, die nicht mehr so hochstilisiert klingt, wie es besonders bei „Spektrum“ der Fall war.
Ein schweres Terrain war mal wieder die Übertragung von Zitaten, die aus der russischen Kultur stammen, oder von Namen, die nur in Russland etwas Aussagekraft haben. Und hier ist die Übersetzerin (meiner Meinung nach) zu penibel vorgegangen: so gut wie jede Anspielung wurde mit einer Bemerkung versehen, worauf sie sich bezieht, in etwa:
 
"Komm von der Barkasse runter, Wereschtschagin" zitierte ich die Aufforderung an den Zöllner aus dem Film Die Weiße Sonne der Wüste.
 

Weltengänger
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An einigen Stellen macht sie dadurch Fehler, etwa heißt es, „der seine imperialen Mannen betörende Obi-Wan Kenobe“ (mit „e“ statt „i“), der aber laut Original bloß imperiale Sturmtruppen eingewickelt hatte. Die schlimmste Entgleisung passierte jedoch in der bereits zitierten Melnikow-Szene, wo die Übersetzerin ausgerechnet Lukianenkos Namen im Text zitiert. Wo es gerade in einem Insider-Rätsel darum geht, fiktive Namen von SciFi-Autoren zu identifizieren, macht sie genau das – und erklärt „den schriftstellernden Held aus Lukianenkos Roman Herbstbesuche“. Somit zerreißt sie die Metaebene der Anspielungen und Allusionen – ein grober Schnitzer in dieser Szene. Einige politisch unkorrektere Wortspiele sind aus der Übersetzung weggefallen, etwa „Schahid-Taxi“ (fiel komplett weg), oder ein etwas anrüchiges Wortspiel über den Namen einer Girlband. Gottseidank sind das so ungefähr die wenigen gröberen Fehler, die in dem fast 600 Seiten starken Buch vorkommen – und der Rest entschädigt dafür durch stilistische und erzählerische Sicherheit und eine spannende Geschichte. „Weltengänger“ ist ein gelungenes Buch von Sergej Lukianenko, mit einem interessanten Konzept und einer resoluten Erzählweise, wo der geübte Leser auch viele Anspielungen erkennen wird. Allerdings endet es wie der typische Teil einer Dilogie, nicht wirklich abgeschlossen und auf den Sequel blickend, der hoffentlich auch hierzulande nicht lange bis zum Erscheinen brauchen wird.
 
Urteil: Ein etwas langsam in die Gänge kommendes Buch von Sergej Lukianenko, das genau dann endet, wenn es spannend wird - aber dafür ein komplexes Universum der Funktionale aufbaut und abwechslungsreich und spannend geschrieben und übersetzt wurde.
 
Zur Leseprobe (die ersten zwei Kapitel)
 

 

 
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