Vom Buch zum Film - Die Unterschiede
Teil 1 - das Dozor-Universum.
Einleitung

Wer die "Wächter"-Filme des Regisseurs Timur Bekmambetov (oder auch nur den ersten) gesehen hat, weiß vermutlich, dass die Filme sich teilweise stark von den literarischen Vorlagen von Sergej Lukianenko abweichen. Es gibt gewiss viele Gründe dafür, die mal mehr, mal weniger nachvollziehbar wären. Der Autor selbst betrachtet die Welt der "Dozor"-Filme als eine Art "Paralleluniversum" und referenziert es auf eine witzige Weise in "Wächter der Ewigkeit":
„Ach, was hatte ich heute für einen wunderbaren Traum!“, meinte Semjon, während er auf den Parkplatz fuhr. „Ich zuckel durch Moskau, aus irgendeinem Grund in einem schrottreifen Laster, neben mir sitzt einer von unseren Leuten… Und plötzlich sehe ich, dass Sebulon auf der Straße steht. Der, warum auch immer, wie ein Penner aussah. Ich geb Gas und versuch, ihn über den Haufen zu fahren! Aber er hustet mir eins! Und stellt eine Barriere auf! Etwas hebt uns in die Luft, wir machen einen Salto und springen über Sebulon rüber. Dann fahren wir weiter.“
(…)
„Aber diese Träume (…) gefallen mir. Wie eine Szene aus einer Parallelwelt…“
„Wächter der Ewigkeit“
Etwas zur Vorgeschichte der Filme: angefangen hat das Ganze als ein Drehbuch, das Sergej Lukianenko verfasste und auf dem weitere Drehbuchfassungen von Lukianenko selbst, Timur Bekmambetov und Aleksander Talal aufbauten. Erst war das Projekt als ein TV-Mehrteiler geplant und abgedreht; erst recht spät in der Produktion entschied der Chef von Channel One Russia (und Produzent von „Nochnoi Dozor“) Konstantin Ernst, das Projekt zu einem Kino-Mehrteiler auszubauen. Ursprünglich war das Projekt nur auf das Buch "Wächter der Nacht" beschränkt, was man auch den Filmen nach wie vor ansehen kann: die drei Erzählungen von Yegor, vom mysteriösen Mörder Dunkler Anderen und von der Kreide des Schicksals sind als Rudimente auch weiterhin in den Filmen vorhanden. Vieles lässt sich durch visuelle Einfälle oder Erhöhung der Spanungskurve begründen, andere Dinge dienen zur Vereinfachung der Plots. Viele der Ent-scheidungen (z.B., dass Yegor im Film zu Antons Sohn wurde) wurden erst im Nachhinein beim Schnitt getroffen; bei "Wächter des Tages" war für viele Änderungen ausschlaggebend, dass FOX von Bekmambetov verlangte, die russische Geschichte in Teil 2 komplett abzuschließen.
Im folgenden Artikel werden wir die gravierendsten Unterschiede zwischen Buch und Film versuchen, zu dokumentieren. Im ersten Teil geht es um das Universum der Wächter. Achtung, geringfügige Spoiler zum Teil 2!
Das Dozor-Universum
Um die Welt der Wächter für den Film begreifbarer zu machen, wurde sie etwas komprimiert und vereinfacht.
Das Zwielicht

Im Buch muss man das Zwielicht betreten, indem man den eigenen Schatten sichtbar macht. Im Film ist es nicht eindeutig, jeder Andere kann da reingehen, z.B. auch ungewollt. Es gibt im Gegensatz zum Buch nicht sieben, sondern nur zwei (bekannte) Ebenen des Zwielichts – die zweite Ebene ist nur für die Großen Anderen zugänglich
2. Im Buch wächst auf der ersten Ebene des Zwielichts das blaue Moos, das sich von negativen Emotionen der Menschen nährt. Im Film wurde er ersetzt durch Stechmücken, die die Kraft der Anderen wie Blut aussaugen.
Im Film kann man Personen, die im Zwielicht sind, im Spiegel sehen (vgl. WdN). Im Buch wurde dies zumindest für Vampire übernommen
6.
Der Vertrag
Im Film wurde der Vertrag über den Waffenstillstand vor 1000 Jahren zwischen den mittelalterlichen Heeren von Zavulon und Geser geschlossen. Im Buch ist der Vertrag nicht so alt: er ist weniger ca. vor hundert Jahren geschlossen worden, wobei das genaue Datum nie genannt wird.
Die Inquisition
Der Bauer, der im Film bei der ersten Vertragsunterzeichnung dabei war (und von Igor Savochkin gespielt wird), war ein nicht- initiierter Anderer (da er die Schlacht mit ansehen konnte). Als der Vertrag geschlossen wurde, wurde er zum ersten Inquisitor. Die Inquisition wacht über die Einhaltung des Vertrags, jedoch ist sie im Film kein großes Hindernis für Zavulon, denselbigen aufzukündigen – somit ist ihre Stärke zweifelhaft. Im Film sehen alle Inquisitoren gleich aus (und zwar wie der alte Mann aus dem Prolog).
Im Buch sind beide Wachen Instrumente der Inquisition, eines zentralen Organs. Die Inquisitoren sind Lichte und Dunkle Anderen, die vom Schrecken geleitet werden, dass das Gleichgewicht der beiden Wachen kippen könnte. Der Vertrag kann im Buch gar nicht gekündigt werden – denn eine Seite wird nie die andere besiegen können, denn darüber wachen die Inquisitoren.
Große Anderen
Im Film wird erzählt, dass die Ankunft eines Großen Anderen ein außergewöhnliches Ereignis ist. Es gibt nur zwei davon: Yegor (Dunkel) und Svetlana (Licht). Vom Zweikampf dieser beiden würde das Schicksal der Welt abhängen.
Im Buch gibt es mehrere Große Anderen (Magier außerhalb aller Kategorien): Geser, Zavulon, Svetlana, Olga, der Inquisitor Vítêzlav, Kostya und Anton. Es gibt noch höhere Magier, die sog. "Null-Magier", von denen es aber nur wenige gab – u. a. Antons Tochter Nadezhda.
Äußere Gestaltung

Im Film wurden die beiden Lager der Wächter unterschiedlich stilisiert. Insbesondere fällt das im modernen Moskau auf.
Die Deckorganisation von Wächtern der Nacht, GORSVET (in Deutsch übersetzt als "Stadtwerke", in Englisch als "City Light Company"), wirkt wie eine ehemalige sowjetische Institution. Der Name wirkt wie eine typische Munizipalitätsorganisation aus der Zeit von Breschnew; das bescheidene, miefige und ziemlich heruntergekommene Gebäude wirkt ebenso angestaubt. Geser sieht aus wie ein alter kommunistischer Parteikader, und die Wächter-Patrouillen tarnen sich als Monteure in klapprigen rotgelben Reparaturfahrzeugen der Marke ZiL. Die Wächter selbst sehen aus wie Reparaturmänner in dreckigen Gorsvet-Westen, ihre Waffen sind auf einem Werkzeuggürtel befestigt. Die wichtigste Waffe eines Wächters der Nacht ist eine Taschenlampe mit einer auswechselbaren Glühbirne.
Die Dunklen Anderen dagegen wirken wie moderne Oligarchen vom Ende der 90er Jahre. Ihr Hauptquartier wird im Film nie gezeigt, doch im zweiten Film quartieren sie sich für längere Zeit im prominenten Moskauer Hotel "Kosmos" (das halbrunde Gebäude, auf dem Alisa ihren Mazda vertikal ausprobiert) ein, wo sie 1000$ Miete pro Stunde zahlen. Mehrere echte Prominente sind als Gäste auf der Party der Dunklen zu sehen; und Zavulons Freundin, die Hexe Alisa, ist im Film eine populäre Sängerin. Nicht nur im Film: Zhanna Friske ist in Russland ein Popstar gewesen, bevor sie zum Film wechselte. Auch Ilya Lagutenko (Vampir Andrei, der zu Beginn von WdN von Anton getötet wird) ist im echten Leben Popsänger. Unter Dunklen Anderen herrscht eine andere Mode, als bei den Lichten: schicke Autos, gute Kleidung und Geschmack für Mode. Die niederen Operativen der Dunklen sehen teilweise wie Punks oder Banditen mit Hang zum Gotischen aus.
Im Buch sind diese Gegensätze weniger ausgeprägt: so ist aus dem Buch bekannt, dass das Hauptquartier der Nachtwache im Stadtgebiet "Sokol" liegt.
3 Dagegen liegt das Hauptquartier der Dunklen prominenter: an der Tverskaya-Straße in der Nähe des Kremls.
4. Die Unterschiede in den Verhaltensweisen von Lichten und Dunklen anderen (die Lichten setzen sich selbst asketisch anmutenden Beschränkungen auf, die Dunklen leben am liebsten in Saus und Braus) wird ebenfalls in
2 thematisiert.
Vampirlizenzen
Im Buch, wie im Film bekommen Vampire eine Lizenz, um echtes menschliches Blut zu trinken. Jedoch ist eine Lizenz im Buch freiwillig: ein Vampir muss sie nicht in Anspruch nehmen. Im Film ist sie jedoch bindend
2.
Initiierung
Im Film wählt jeder Mensch, der zum ersten Mal das Zwielicht betreten hat, sein eigenes Schicksal – ob er sich für das Licht oder das Dunkel entscheidet. Insbesondere wird es in der FOX-Fassung betont, obwohl es in der russischen Version bereits implizit gemeint ist.
Im Buch hängt von der eigenen Entscheidung relativ wenig ab, auf welche Seite man kommt. Vielmehr hängt die Wahl damit zusammen, in welcher Gemütsverfassung derjenige, der das Zwielicht erstmals betreten hat, gerade hat. Wenn er in guter Stimmung ist, wird er zum Lichten Anderen. Ist er jedoch gerade in schlechter Laune, rachsüchtig oder beleidigt, wird er zum Dunklen neigen. Deswegen sind die Wächter ständig auf der Suche nach potentiellen Anderen, um sie ins Zwielicht erstmalig zu führen ("initiieren") und dabei in die richtige Gemütsverfassung zu bringen.
Die magischen Einwirkungen
Im Buch gibt es mehrere Möglichkeiten, magische Einwirkungen zu erzeugen. Es gibt Gesten mit den Händen, Zaubersprüche, Artefakte, Flüche… die Darstellung dieser Aktionen ist eher traditionell: Fireballs, feurige Strahlen, magische Wesen – insofern entspricht es den traditionellen Beschreibungen von Fantasy.

Timur Bekmambetov hat mehrmals in Interviews bekräftigt, dass er keine typische Fantasy mag, deswegen wurde für alles ein "realistischerer" Ansatz überlegt. Es gibt in den Filmen wohl nur einen richtigen "fantasyartigen" Effekt: Svetlana wirft einen Fireball auf Zavulon, den Geser abfängt
2. Die anderen Effekte werden unter Zuhilfenahme von alltäglichen Gegenständen dargestellt. Wenn Zavulon "die Geißel von Schaab" auf Anton in Olgas Körper anwendet, benutzt er ein Kabel eines Oberleitungsbusses, der ihn gerade gerammt hat. Die bereits erwähnte Taschenlampe ist in der Lage, Andere im Zwielicht zu verbrennen (ebenso die Scheinwerfer der Gorsvet-Laster)
1. Das mächtige und zerstörerische Artefakt von Yegor ist ein Yoyo-artiges Spielzeug. Die modernen Schwerter der Wächter der Nacht sind leuchtende Neonröhren. Anton nimmt das Aussehen eines Dunklen Anderen an, indem er dessen Gesicht in den Schnee reindrückt und diese Schneemaske auf sein Gesicht legt
2. Das Aussaugen der Lebenskräfte passiert mit einer richtigen Nadel und einer richtigen Safttüte. Der Wirbel des Fluchs wird durch einen im Zwielicht kreisenden Schwarm Krähen dargestellt. Die Liste läßt sich fortsetzen.
In der FOX-Fassung des Films wurde außerdem die Fähigkeit der Anderen, Menschen mental zu beeinflussen, erheblich reduziert (vgl. Schnittbericht zu "Wächter der Nacht").
Im nächsten Teil gehen wir auf die Unterschiede zwischen den Charakteren ein.
Referenzen
1Vgl. "Wächter der Nacht" (Film)
2Vgl. "Wächter des Tages" (Film)
3Vgl. "Wächter der Nacht" (Buch)
4Vgl. "Wächter des Tages" (Buch)
5Vgl. "Wächter des Zwielichts" (Buch)
6Vgl. "Wächter der Ewigkeit" (Buch)
© Peter Klassen 2007.
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