Die Geheimnisse der „Wächter der Nacht“
Ein Besuch bei der Special Effects-Firma
Von Marianna Deineko
Deutsch von Peter Klassen
Dieser Artikel wurde zum Start des ersten Films im russischen Online-Magazin Computerra veöffentlicht und führt die Leser hinter die Kulissen der Computereffekte in Nochnoi Dozor.

Ein riesiger Vogelschwarm – Habichte oder Adler – kreist auf dem Bildschirm. Der Regisseur scheint nicht zufrieden zu sein. „Nein, mit diesen Krähen ist etwas nicht in Ordnung,“ verkündet endlich der Regisseur Timur Bekmambetov sein Verdikt. „Sie schlagen zu oft mit den Flügeln. Krähen fliegen nicht so. Das muss besser werden.“
Tatort: Studio „Bazelevs“, wo der Film „Wächter der Nacht“ gedreht wird. Hinter dem Fenster ist es März, und es ist noch etwas Zeit bis zur Premiere. Die Drehs sind abgeschlossen, und im Studio Bazelevs werden nun die Computereffekte gemacht. Einer von denen sind die Krähen. In den nächsten drei Monaten müssen sie lernen, wie Krähen zu fliegen.
Die Premiere von „Wächter der Nacht“ ist auf 8. Juli angesetzt, und ansonsten werden nach dem Drehbuch von Sergej Lukianenko zwei Filme je 100 Minuten gedreht. Für Russland ist „Wächter der Nacht“ ein Projekt ohne Präzedenzfall. Es wurde lange keine Fantasy gedreht, vor allem nicht mit so einem Hollywood'schen Ausmaß.
Es wird nicht leicht, die Fans zufriedenzustellen. Eine Verfilmung von Lukianenkos Büchern ist ein schwierigeres Unterfangen, als es scheinen mag. Die Spielwiese der Wächter ist unsere Zeit. Die Anderen – Vampire, Hexen, Formwandler und Magier leben unter uns, gehen über Moskaus Straßen und fahren in der Metro.
Um Hollywood Paroli zu bieten, muss man nach Hollywoods Regeln spielen. „Wächter der Nacht“ folgt der Tradition der westlichen Blockbuster. Von Anfang an gab es Gerüchte über noch nie in unserem Kino dagewesenen Special Effects. Ohne sie geht es nocht: Geister aus Pappe und Drachen aus Plüsch hauen niemand vom Hocker mehr.
Lukianenkos Name zog sofort die Aufmerksamkeit auf sich, aber die vielen Fans des Schriftstellers wurden enttäuscht: die Informationen wurden nur sehr spärlich herausgegeben. Um mehr zu erfahren, brach ich nach Bazelevs auf.
Ich gehe durch düstere Gassen hinter „Mosfilm“. Irgendwo dort versteckt sich das Studio, wo gerade die Arbeit an den SFX zu „Wächter der Nacht“ voll im Gange ist. Die Atmosphäre ist fast wie im Buch – man sollte aufpassen, nicht auf eine Hexe oder einen Blutsauger zu treffen, insbesondere wo es fast Mitternacht ist…
Ich werde empfangen vom Produzenten für Special Effects, Alexander Gorokhov. Obwohl es spät ist, ist der Laden am Kochen. Der Eindruck drängt sich auf, dass diese Menschen keinen Schlaf brauchen: es kommen irgendwelche Leute an, Monitore leuchten auf. Neuankömmlinge versammeln sich um die Computer herum, um die neuesten Bilder zu besprechen. Nachts schauen sich der Regisseur mit seinen Assistenten die Ergebnisse vom Vortag an.
Bunte Wände, enge Fluren, Halbdunkel, asymmetrische Zimmerverteilung… Unsere Reise durch die Arbeitszimmer der Künstler endet im Schneideraum.

„Welche Effekte werden wir denn im Film sehen?“ frage ich und bekomme als Antwort: „Absolut alle.“ Man braucht nicht weit zu laufen, um Beweise zu bekommen. Vor uns sind drei große Monitore. Auf einem läuft eine Filmszene: eine Eule verwandelt sich in eine Frau. Die Bilder sehen beeindruckend aus, obwohl, zu meinem Erstaunen, diese Szene ganz ohne Computergrafik auskam.
Alexander Gorokhov erklärt, dass der Computer nur für das Morphing der Fingernägel der Frau benutzt wurde. Der Rest wurde durch Makeup-Effekte gemacht, die von der Firma FXDesign Pro stammen. „Der schönste Effekt ist es, wenn alles handgemacht und ehrlich gefilmt ist. Der Computer ist dabei nur eine Hilfe, ein Instrument“.
Dennoch gibt es auch genug Computergrafik im Film. CGI-Effekte wurden von Anfang an geplant und seit Drehbeginn vom Supervisor der CGI-Effekte, Vladimir Leschinski, überwacht. Während des Drehs wurden alle Bedingungen geschaffen, um die Szenen zur Bearbeitung durch CG-Künstler und Animatoren vorzubereiten.
Durch die Computergrafik wurde eine mittelalterliche Schlacht, an der über 2000 CGI-Krieger teilnehmen, es wurden Tiermodelle und riesige Heerscharen von Vögeln (über 30000 in einem Bild) animiert und das Zwielicht erschaffen.
In Lukianenkos Buch ist das Zwielicht eine besondere Dimension, die nur Andere betreten können. Es war nicht sonderlich leicht, das Zwielicht auf die Leinwand zu bannen – obwohl es im Buch sehr ausführlich beschrieben ist. Denn im Film muss alles eine visuelle Lösung haben.

In einer der Szenen musste als Vorbote des Zwielichts eine Mücke dienen. Gedreht wurde die Szene im Winter. „Stellt euch unsere Verblüffung vor, als wir in einer Februarnacht, während wir am Zwielicht in Yegors Wohnung arbeiteten, wir das vertraute Summen hörten und dann eine Mücke erblickten. Echt und lebendig! Das Zwielicht frisst uns auf, scherzten wir dann,“ - erzählt Alexander Gorokhov.
In einer anderen Szene war die Aufgabe schwieriger. Ein Anderer, der das Zwielicht betritt, wird unsichtbar, kann aber noch immer mit der Umwelt interagieren. Anton Gorodetski, der Protagonist von "Wächter der Nacht", muss blindlings mit einem Vampir kämpfen, der ins Zwielicht abgetaucht ist. Damit der Zuschauer versteht, was gerade los ist, beschlossen wir, Spiegel zu benutzen. Der Vampir soll nur darin zu sehen sein. „Es war ziemlich kompliziert, es so zu machen, dass der Vampir im Spiegel zu sehen ist, aber ansonsten nicht,“ sagt Alexander Gorokhov. „Doch auch das haben wir geschafft.“
Einzelne Effekte wurden nicht bloß von verschiedenen Leuten, sondern auch von verschiedenen Studios in vielen Städten Russlands und aus dem Ausland gebaut. Es gab keine Kommunikationsprobleme: „Gottseidank habei wir das Internet“, lächelt Alexander Gorokhov. Obwohl die Computerkünstler manchmal nach Moskau reisen mussten, um an einem Effekt gemeinsam zu arbeiten.
Zunächst war angedacht, die Studios nach Profil auszuwählen, sozusagen das zu tun, „was man am besten kann“. Aber die Zeit drängte, und die Idee einer Ausschreibungs wurde verworfen. Bei der Wahl des Studios achtete man bloß darauf, ob es freie Ressourcen hat.
Einige Einstellungen wurden in Sankt Petersburg gemacht, in den Studios Postproduction.ru und Lesta, einiges in Kiew in den Studios BDFilm und MentalDrive, ein Teil der Arbeit wurde an das Moskauer Studio Dr.Picture delegiert, das für ihre 3D-Grafik in der Werbung von M&M und Irn-Bru bekannt ist. Und die Vorbereitung der Negative wurde von der Hollywoodfirma Encore Hollywood übernommen. Die Amerikaner machen es schneller und billiger, sagt Alexander Gorokhov.

Die Episode mit dem Wirbel über der Metro ist eine gute Demonstration dieser Zusammenarbeit. Diese Szene wurde von 10 Leuten in verschiedenen Städten gemacht. Sie hat kein einziges Realbild, sie kommt komplett aus dem Computer. Die Brücke, der Himmel und der Mond wurden in Kiew gemacht, und in Moskau wurden die Krähen hinzugefügt.
Die Erzählung von Alexander Gorokhov unterbricht Timur Bekmambetov, der gerade angekommen ist und den Schnittraum betreten hat, um uns zu grüßen. Wir kommen mit ihm mit, um neue Einstellungen für den Film zu sichten.
Vladimir Leschinski, Chef von Dr. Picture und nebenbei Supervisor für Special Effects, wartet schon am Computer auf uns. Wir sollen uns mit den Schwärmen von Krähen auseinandersetzen, die die dunklen Mächte symbolisieren.
Die Bewertung der Bilder geht folgendermaßen ab: der Regisseur holt Dateien vom Server, und jede Datei steht für eine Einstellung. Jede kann von wenigen Sekunden bis zu mehreren Minuten dauern. Der Regisseur spult jede Einstellung Bild für Bild ab, und achtet auf die Objekte. Man achtet auf alles: Verhalten von Vögeln, Größe, ihre Lage im Bild.
Die Profis erzählen mir, dass es drei Arten Krähen im Film gibt: für Naheinstellungen, für Mitteleinstellungen und für Hintergründe. Echte Krähen kann man nur ganz im Vordergrund sehen. Es ist noch viel zu schwer, eine realistische Naheinstellung im Computer hinzubekommen.
Das Studio Dr. Picture ist auf Krähen für Mitteleinstellungen spezialisiert. Diese Wesen zu erschaffen ist auch nicht gerade trivial. Außer der physikalischen Bewegungen musste man auch den Charakter des Flugs wiedergeben, was nicht sofort gelungen ist. Zuerst führten sich die Vögel wie alles Mögliche auf, nur nicht wie Krähen.

Die Künstler aus dem Bazelevs Studio sind spezialisiert auf Massen-Animationen – wie etwa ein Tornado aus Lebewesen. Der Wirbel-Effekt war ein kompliziertes Unterfangen; das schwierigste war, einen drehenden Wirbel aus lebenden Vögeln zu erschaffen. Denn je mehr Objekte in einer Szene sind, desto länger daurt es, sie zu rendern. Sie wird „schwerer“ und es kommt zu technischen Problemen.
In der Wirbel-Episode dauert das Rendering eines Bilds eineinhalb Stunden. Wenn eine Szene 30 Bilder hat, dann dauert es ganze 45 Stunden, den Wirbel zu rendern. Und man muss die Szene noch zusammensetzen, Blitze und Wolken hinzufügen, alles neu berechnen… obwohl dieses finale Stadium etwas schneller geht.
Die Menge der Dateien zum Sichten neigt sich dem Ende zu, und ich bereite mich vor, zu gehen. Bald ist es Morgen, doch der Arbeitstag auf dem Bazelevs-Studio scheint weiterzugehen. Nach meiner „Nachtwache“ stürze ich mich ins reale Leben. Krähen erwachen und krähen lauthals in den Bäumen. Es sind echte Krähen, nicht aus dem Computer.
Quelle
© der Übersetzung Peter Klassen 2007.
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