ImZwielicht.de - Die Welt der Wächter
NewsDie Wächter Filme
Bücher
Dokumente
Multimedia
Sammlerstuücke
Links
Forum
Zurück
Interview

Sergej Lukianenko

"Phantast der harten Action"
von Olga Rychkova
Übersetzung: Peter Klassen, 25.08.2007

Dieses Interview hat Sergej Lukianenko der russischen Zeitung Trud erteilt. Darin spricht er darüber, was er davon hält, nur als Autor der "Wächter"-Büchern in die Geschichte einzugehen, sowie davon, warum er gerne mit Co-Autoren schreibt.
 
Sergej Lukianenko ist nicht bloß ein berühmter Schriftsteller, sondern ein sehr berühmter. Es gibt kaum jemand in Russland, der nicht von den Büchern „Wächter der Nacht“ und „Wächter des Tages“ gehört hätte, die als zwei Blockbuster verfilmt wurden. Nun vollendet Sergej sein neues Buch, „Tschistowik“, die Fortsetzung von „Weltengänger“ (Tschernowik). Bald soll auch ein Sammelband seiner alten Geschichten erscheinen: „Der Steg der gelben Schiffe“ – der Autor sträubte sich lange davor, alte Kamellen neu aufzulegen, aber die Fans haben ihn überredet.

F: In der Kindheit interessieren sich praktisch alle für das phantastische Genre, später lässt das Interesse allerdings nach. Ist es so, dass phantastische Literatur für ein bestimmtes Alter bestimmt ist?

A: Ich würde sagen, es gibt zwei Arten von Menschen: diejenigen, die phantastische Literatur mögen, und die, die nicht wissen, was es ist. Viel reduzieren dieses Genre auf Abenteuer, Schießereien, Verfolgungsjagden mit den Raumschiffen – etwas sehr buntes und sehr leeres. Viele denken, das sei Literatur für Kinder, man sei selbst schließlich erwachsen. Tatsächlich, wenn Sie einem Erwachsenen ein Buch von Jules Verne geben, wird er es schrecklich finden. Vielleicht haben die Menschen einfach keine phantastische Literatur angetroffen, die „mitwachsen“ würde.

F: Hatten Sie Glück in der Hinsicht?

A: Ich war sofort nach den Büchern der Gebr. Strugazki süchtig geworden. Sie haben ganz unterschiedliche Werke geschrieben, und auch wenn man darin anfangs etwas Leichtes und fast Kindisches gelesen hat – wie „Das Land der purpurnen Wolken“, macht man mit ernsteren Werken weiter. Auch andere Autoren hatten Bücher, die mein Interesse am Genre mit der Zeit weckten. Irgendwann in der 8. Klasse hat mir jemand „Die Gefährten“ zu lesen gegeben – den ersten Band des „Herrn der Ringe“. Er kam in der UdSSR im Verlag „Detskaja Literatura“ („Kinderliteratur“) heraus, war gekürzt und als ein Kindermärchen getarnt – mit lustigen Bildern auf dem Umschlag… Ich habe das Buch erst verachtet: ich bin doch ein erwachsener Mann, ganze 15 Jahre alt – und das ist bloß Kinderkram. Aber nach den ersten fünf Seiten habe ich mich ins Buch vertieft, bin da hineingetaucht… solche Bücher bringen einen dazu, phantastische Literatur ernst zu nehmen.

F: Allerdings haben Sie nach der Schule einen „irdischen“ Beruf gewählt: Psychiater.

A: Es war Sache der Familientradition. Mein Vater ist Psychiater, er hatte zu Hause viele Bücher zu diesem Thema, und der Rest der Familie sind auch Ärzte. Ich bin, ehrlich gesagt, den Weg des geringsten Widerstands gegangen. Bei uns wird die Tradition der ehemaligen Zünfte wiedergeboren, dass die Kinder den Beruf der Eltern ergreifen. Kinder von berühmten Schauspielern müssen im Kino spielen, Kinder von Regisseuren jenes Kino drehen, Kinder von Politikern müssen in die Politik gehen…

F: Haben Sie also mit ihrem Wechsel zum Schriftsteller Ihre Eltern traurig gemacht?

A: Anfangs ja. Als ich zu schreiben anfing, betrachteten sie es als ein Hobby: man kann damit rumspielen, aber einen richtigen Beruf muss man haben. Mit Gehalt, Urlaub und Rente. Als ich dann sagte, dass ich nicht in meinem Beruf arbeiten werde, und eigentlich gar nicht arbeiten werde, sondern nur Bücher schreiben – da waren sie entsetzt. Obwohl ich damals schon viel veröffentlicht und damit gut verdient habe. Gottseidank habe ich einen älteren Bruder, der ist Arzt – ein Segen für die Eltern. Obwohl er jetzt auch seufzt: „Ich hätte lieber auch Bücher schreiben sollen.“

F: Wie ist ihre Meinung als Arzt: schaden Bücher wie „Wächter der Nacht“ und „Wächter des Tages“ den Leuten mit labiler Psyche? Vielleicht gibt es ja wirklich Leser, die an Magier, Vampire, Hexen und ihre anderen Charaktere glauben?

A: Damit war ich schon mal konfrontiert. Manchmal erreichen mich Briefe mit „Meine Schwester ist eine dunkle Andere, was soll ich tun?“ oder „Wie wird man ein Anderer?“ Aber labile Menschen bauen ihr krankes Weltbild selbst auf, nicht bloß aus fremden Büchern. Als „Die Leiden des jungen Werther“ herauskam, schnellte die Selbstmordrate unter Jugendlichen in die Höhe. Alle starken Bücher tragen irgendwie ihre Ideologie und prägen das Bewusstsein – egal, ob revolutionär oder misanthropisch.

F: Beide „Wächter“-Bücher sind verfilmt worden. Ich habe „Wächter des Tages“ gesehen, im Vergleich zum Buch zieht der Film, sagen wir, den kürzeren.

A: Natürlich mag ich das Buch lieber (lacht). Aber Kino hat nun mal seine eigenen Gesetze, und es war unmöglich, das Buch buchstäblich auf die Leinwand zu übertragen. Es hatte sich niemand zum Ziel gesetzt, sich als Klugscheißer hinzustellen und den Plot absichtlich zu ändern. Eine buchstäbliche Verfilmung hätte zu einem 5-Stunden-Film geführt, deswegen musste unterwegs improvisiert werden. Vielleicht macht man eine TV-Serie, die näher zum Buch wäre – nach den Dreharbeiten sind noch 10 Stunden Material übrig geblieben. Im Moment sind Verfilmungen der Bücher „Genom“ und „Weltengänger“ geplant. Es gibt auch Pläne aus Hollywood: „Wächter der Nacht-3“, aber die ziehen sich hin.

F: Haben Sie keine Angst, nur als Autor der „Wächter“ im Gedächtnis zu bleiben?

A: Jeder Schriftsteller hat ein Werk, das beliebter ist, als die anderen. Und es hängt nicht immer von der Qualität ab. Conan-Doyle hat sich die Haare gerauft, als man von ihm ständig die Fortsetzungen von Sherlock Holmes forderte. Er versuchte, Leute zu überzeugen, dass er bessere Bücher hat: „The White Company“, „The Adventures of Gerard“. Doch die Leser sagten „Nein, geben Sie uns Holmes!“ Ich riskiere, in die gleiche Situation zu geraten, deswegen schreibe ich auch weiterhin andere Bücher. Im Westen werden nicht nur die „Wächter“-Bücher, sondern nun auch „Spektrum“, „Das Schlangenschwert“ herausgegeben…

F: Einige Ihrer Bücher – z.B. „Wächter des Tages“ sind in Zusammenarbeit geschrieben. Machen Sie das zur Abwechslung?

A: Erstens ist es interessant, mit Freunden zu schreiben. In Alma-Ata kam mal Juli Burkin zu mir und sagte „Ich will ein Buch als Geschenk für meine Kinder schreiben. Aber ich kann nicht über Kinder schreiben, lass uns das zusammen machen. Ich habe sogar schon die Story – es ist ein Horrorroman.“ Ich sage „Was machst deinen Kindern bloß für Geschenke?“. Letztendlich wurde das ein humorvoller Roman, und Juli schreibt nun eine Fortsetzung - zusammen mit seinem Sohn. Vielleicht schalte ich mich noch dazu.

F: Schreiben Sie auch für Ihren Sohn? Im Moment mangelt es an guter Fantasy für Kinder.

A: Artemij ist jetzt zweieinhalb, aber ich werde für ihn selbstverständlich schreiben. Mit Märchen, mit phantastischer Literatur ist es bei uns im Moment sehr schlecht. Nach Nikolaj Nosow kommt noch Krapiwin, und danach gibt es nur noch Klone von Harry Potter: man nimmt die Story von Rowling und überträgt sie in die russische Realität.

F: Sie waren mal auf dem Seminar für phantastische Literatur zusammen mit Alexej Iwanow. Er hat auch als Autor für Phantastik angefangen, und jetzt ist er berühmter Autor von historischen Romanen. Wollten Sie jemals den Rahmen des Phantastischen verlassen?

A: Was das „Hinausgehen über das Phantastische“ angeht, sehe ich keine Notwendigkeit dazu. Das, was ich schreiben möchte, bekomme ich auch mit den Mitteln des Phantastischen hin. Soll ich etwa beweisen, dass ich das auch ohne kann? Ich bin zu 99% überzeugt, das ich das könnte. Aber es ist dennoch schwerer, auf einem Zweirad zu fahren, als sich aufs Dreirad zu setzen und realistisch zu schreiben. Das einzige, was mich interessieren würde, wäre ein klassischer Krimi. Ohne Mystik, Phantastik, Mercedes fahrenden Banditen und den Oligarchen von der Rublevka. Das, was heutzutage als Krimi durchgeht, sind größtenteils öde Krimiromane mit Charakteren, die weder Mitgefühl noch Interesse hervorrufen.

F: Sie wurden zum jüngsten Autor, der die Auszeichnung „Aelita“ für den Beitrag zur Entwicklung des phantastischen Genres bekommen hat. Wie wichtig sind für Sie Literaturprämien und andere Bewertungen der Arbeit eines Schriftstellers, etwa die Kritiken?

A: Zuerst habe ich die Auszeichnung „Start“ bekommen, die zusammen mit „Aelita“ verliehen wird – für Anfängerautoren. Und nur wenige Jahre später bekam ich „Aelita“ für den gesamten Beitrag zum Genre. Obwohl Leute, die sie normalerweise bekommen, meistens alt und gestanden sind. Solche Prämien sind eine angenehme, sehr stimulierende Sache. Positive Kritiken sind ebenfalls angenehm, sie schmeicheln meinem Ehrgeiz. Negative nerven mich: es ist doch klar, dass der Kritiker ein vollkommener Trottel ist, der nichts versteht. (lacht) Es kommt sehr selten vor, dass eine negative kritische Analyse kommt, wo der Autor sich an den Kopf fasst: „Verdammt, er hat recht!“ Für mich sind Meinungen von Kollegen viel wichtiger: wenn ich weiß, dass derjenige selbst schreiben kann, ist es was anderes. Wir haben viele Kenner unter den Phantasten: Oleg Diwow, Alexander Gromow, Marina und Sergej Djatschenko…

F: Haben Sie abgesehen vom Schreiben noch genug Kräfte für irgendwas anderes?

A: Wenn’s um Hobby geht, sammle ich Figuren von Mäusen. Ich habe schon ca. 300-400 davon. Die Familie ist auch ein Hobby, das viel Zeit in Anspruch nimmt. (lacht) Ich reise gerne einige Male im Jahr nach Europa, aber sonst bin ich eher ein häuslicher Typ: ich schaue gerne Filme, lese, spiele Computerspiele. Ich koche gerne, obwohl ich mich nicht für einen großartigen Koch halte.

Original

Deutsche Übersetzung © Peter Klassen 2007.
Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Erlaubnis!


 

 
Impressum