Wächter der Nacht - Russischer Director's Cut
DVD-Rezension
"Die Schnittfassung von FOX ist seltsam: sie ist maximal vereinfacht worden, paßt aber trotzdem nicht ins Hollywood-Schema. Andererseits verliert sie dadurch etwas Besonderes, Eigentümliches, das die russische Version auszeichnete."
- Sergej Lukianenko

Der russische Director’s Cut ist endlich da. Die Fassung, die drei Jahre lang nur als russische Export-DVD zu haben war, ist nun endlich auch im Westen angekommen. Fort sind Vereinfachungen, Umschnitte, Kürzungen, die den ersten postsowjetischen Blockbuster Russlands dem westlichen Publikum näherbringen sollten und dabei glorreich versagten.
Warum es so lange gedauert hat? Das kann verschiedene Gründe haben. Einer davon könnte sein, dass die „Wächter“-Bücher, die zum Erscheinen des Films noch nicht in der weiten Welt veröffentlicht waren, inzwischen in USA, England und vor allem in Deutschland zu haben sind und gelesen werden. Somit hat man zwar noch immer nicht die gleiche Ausgangssituation wie in Russland - wo die Bücher vorher schon Millionenbestseller waren und der Film auf dieser Fanbasis aufbaute – aber trotzdem einen Schritt näher dran.
Andererseits konnten sich interessierte Filmfans, die den russischen Director’s Cut (nennen wir’s beim FOX-Marketingnamen) kennenlernen wollten, ihn schon längst woanders her organisiert haben: eBay, Internet-shops… und da die Preise für die russische Version sich meistens im einstelligen Euro-Bereich bewegen (z.B.
hier) – müsste schon ein deutlicher Mehrwert geboten werden, um auf die FOX-Version des DC umzusteigen.

Zum Inhalt des Films wurde schon viel gesagt – wir verweisen hier gerne
auf unsere Rezension im Filmbereich. Auch die Unterschiede des Director’s Cuts sind im Vergleich zur FOX-Fassung hinreichend dokumentiert –
der Schnittbericht geht darauf sehr detailliert ein. Wenden wir uns den tiefen technischen Details zu, die diese Ausgabe der „Wächter“ auszeichnen.
Eine kleine Anmerkung am Rande: die zweite Disc des DVD-Sets entspricht der ersten DVD aus dem bisherigen Special Edition-Doppelset und hat das gleiche Bonusmaterial – deswegen wird auf diese Disc nur am Rande eingegangen. Der Fokus liegt hier eindeutig bei der Director’s Cut-Scheibe.
Bild:

Wer die bisherigen Ausgaben verglichen hatte, musste sich entweder mit dem russischen DC in mittelmäßiger Qualität begnügen, oder aber hervorragende Bildqualität genießen, dafür aber nur die deutsche Kinofassung serviert bekommen. Diese Veröffentlichung dürfte die Balance der Kräfte stark in die Richtung des Lichts kippen:
so gut hat der DC nämlich noch nie ausgesehen. Die Befürchtungen, FOX würde sich das russische Master schnappen und einfach gen Westen portieren, haben sich nicht bestätigt: der DC brilliert fast in der gleichen Qualität, wie die FOX-Kinofassung. „Fast“, weil die Kinofassung doch noch einen kleinen Tick schärfer ist. Auch etwas Edge Enhancement ist auszumachen, aber nicht viel. Die R5-DVD zeigt noch immer den größten Bildausschnitt, und der deutsche DC ist wiederum geringfügig im Vergleich zur KV aufgezoomt. Ansonsten hat der DC im Vergleich zur Kinofassung einen anderen Farbstich: die KV neigt eher ins Grüne, der DC ins bläulich-violette. Allerdings ist es vom matschigen und überstrahlten russischen Transfer meilenweit entfernt. Eine komplette
Übersicht der Bildvergleiche finden Sie hier.
Ein Wermutstropfen bietet die FOX-Veröffentlichung dennoch. Der Bildmaster ist jungfräulich clean – und das ist buchstäblich zu verstehen. Und damit ist gemeint, dass zu Beginn des Films
sämtliche Einblendungen: Company Credits, Filmtitel, Vorspann, Einblendungen „Moskau 1992“ und „12 Jahre später“ einfach fehlen! Zumindest letztere werden über die jeweils gewählten Player-Untertitel realisiert – aber das ist kein gleichwertiger Ersatz. Zumindest ist immerhin der (russischsprachige) Abspann intakt.
Ton:

Der Ton liegt nur in Russisch vor, sowohl in
Dolby Digital 5.1 und DTS 5.1. Besonders das zweitere Detail ist erfreulich, denn bisher waren sämtliche Veröffentlichungen des Films in DTS (der 3-Disc-LE und die Steelbook-Version, beide R5) von einem Bug geplagt: der hintere rechte Kanal war dort quasi nicht vorhanden. In der FOX-Version des DC ist dieser Bug nicht enthalten; andererseits merkt man keinen besonders großen akustischen Unterschied zwischen den beiden Tonformaten. Aber sei’s um das Logo, es ist trotzdem erfreulich, dass sich FOX auch nicht die defekte russische Tonspur hat andrehen lassen.
Die Dialoge sind natürlich ebenfalls unverändert (die FOX-Kinofassung hatte einige Umsynchronisierungen im russischen Ton), auch der Prolog ist in Russisch und hört sich viel mystischer und lakonischer an (vgl. unsere Übersetzung in der Rezension), als die viel zu explizite und erklärend wollende FOX-Version.
Untertitel und Übersetzung:
Wenn ein Film nur OmU angesehen werden kann, muss besonders auch die Qualität der Übersetzung bewertet werden. Es gibt eine Menge Untertitel (im Gegensatz zu FOX’ Pressemitteilungen hat die DVD auch einen ganzen Batzen skandinavischer UT dabei). Was Engländer empfindlich stören könnte, wäre, dass die englischen UT nur für Hörgeschädigte vorliegen – zum Normalkonsum ungenießbar. Gottlob trifft das für die deutschen UT nicht zu.

Zur Übersetzung: Die deutschen Untertitel sind anscheinend nicht direkt aus dem russischen, sondern über den Umweg der englischen UT übersetzt worden. Das ist weniger erfreulich, denn dadurch entgehen so einige Nuancen des Originals. Zum Beispiel spricht die Hexe mit Anton am Anfang mit „Du“ an, in den Untertiteln steht dann immer „Sie“. Einige umstrittenen Übersetzungen sind die Namen: Ilya wird „Bear“ genannt, auch wenn im Film von „Ilya“ die Rede ist; Tigerjunges ist „Tiger Cub“, und das Zwielicht ist zu einer mysteriösen „Zwischenzone“ mutiert. So war es zwar schon in der Kinofassung, aber man sollte aus den Fehlern der Vergangenheit bekanntlich lernen.
An vielen Stellen fehlt die Übersetzung schlicht einfach, wenn beispielsweise die Hexe Darya ihren Zaubervers aufsagt. Das ultrawitzige und kultige Lied aus dem Abspann hätte auch übersetzt werden müssen – und so muss der geneigte Leser auch weiterhin
auf unsere Übersetzung zurückgreifen.
Bonusmaterial
Das Set enthält drei Kernstücke des gesamten Bonusmaterials, das für „Wächter der Nacht“ existiert. Zwar ist die am besten ausgestattete Version nach wie vor die deutsche 2-Disc-SE, aber auch die DC-Version kommt nicht ganz nackt daher – im Gegenteil.

Der wichtigste Teil ist natürlich das
40-minütige Making Of mit dem Titel „Wie Wächter der Nacht gedreht wurde“. Auf R5 war dieses Feature einzig dem limitierten (und sündhaft teuren) 3-Disc-Set vorbehalten. Es ist das gleiche Feature, wie im bisher veröffentlichten 2-Disc-Set, was die Qualität aber nicht schmälert: die Doku ist recht informativ und lässt die meisten Akteure zu Wort kommen. Anzukreiden ist höchstens die Übersetzung, bei der notorisch die Namen der Beteiligten unterdrückt wurden, und nur von „Regisseur“, „Drehbuchautor“ usw. die Rede ist. Auch ist die Übersetzung anscheinend wieder aus dem Englischen vorgenommen worden, was für Abweichungen vom gesprochenen Wort sorgt. Möchte man das lange Making Of nicht am Stück gucken, hätten außerdem Kapitelmarken nicht geschadet – doch das sind nur Kleinigkeiten am Rande.
Die beiden weiteren informativsten Bonusfeatures sind der
Audiokommentar von Timur Bekmambetov (Englisch mit dt. UT) sowie ein
Textkommentar von Sergej Lukianenko (als Untertitel). Diese befinden sich auf der DVD mit der Kinoversion. Timur Bekmambetovs Englisch lässt gelegentlich zu wünschen übrig, und er ist nicht sonderlich gesprächig – doch das eine oder andere Quentchen an Infos lässt sich auch aus dem Kommentar herauskitzeln. Lukianenko verrät da durchaus mehr.
Die groß beworbenen ersten
11 Minuten aus „Wächter des Tages“ dagegen haben zwei Seiten der Medaille – eine gute und eine schlechte. Der gute Aspekt ist, dass der Prolog ganz genau dem russischen Anfang des Films entspricht – also ohne die furchtbare Zusammenfassung „Was bisher geschah“, die in der FOX-Kinoversion kommt. Das erhöht die Chance, dass der ominöse „Unrated Cut“ von „Wächter des Tages“, der am 30. Oktober in USA (und hoffentlich auch bei uns) auf DVD herauskommt, die komplette russische Schnittfassung enthalten wird.
Der größte Minuspunkt an diesem Filmclip ist jedoch ein anderer –
er liegt nur in englischer Dub-Fassung vor! Und zwar durchgehend – sowohl die Szenen im antiken Samarkand, die im Original kasachisch waren, als auch die Szenen in der Gegenwart werden in Englisch mit einem prägnanten russischen Akzent gesprochen! Unfreiwillig komisch, aber irgendwie nicht Sinn der Sache. Da gelobt man schon die heimische Synchronindustrie, die es besser kann…
Abgerundet wird der Eindruck vom
„Wächter des Tages“ Trailer (
Trailer Nr. 1 in englischer Sprache). Dazu kommen noch zwei russische Trailer von WdT auf Disc 2 (OmU). Schade, dass es auch diesmal keiner der
„Wächter der Nacht“ Trailer auf die DVD geschafft hat.
Fazit:
Angesichts der langen Wartezeit, bis es die russische Originalfassung auf DVD nach Westen schafft, waren die Erwartungen entsprechend groß. Die DVD erfüllt diese auch: es ist tatsächlich die qualitativ beste Version des russischen Director’s Cut und hat den besten Ton. Es ist zwar nicht ohne Makel (fehlende Titel, Übersetzungsqualität, Sprache beim WDT-Clip), die aber wohl nur Perfektionisten, Puristen oder russischsprachigen Zuschauern auffallen würden. Deswegen können wir mit Fug und Recht behaupten, dass diese Disc eine Empfehlung verdient.
Die DVD eignet sich besonders für diejenigen Filmfans, die den „Wächter der Nacht“ so sehen wollen, wie er ursprünglich in Russland gelaufen ist – und ganz besonders für jene, die sich bislang zurückgehalten haben, die gekürzte FOX-Fassung zu holen.
© Peter Klassen 2007.
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