"Ich hatte den Wunsch, über meinen Kopf zu springen"
von Maria Tereschenko
Übersetzung: Peter Klassen, 16.12.2007
Dieses Interview hat Sergej Lukianenko der russischen Zeitung GZT.ru gegeben. Hier erzält er über den vierten Teil der Wächter-Saga und über die Phantastik im Allgemeinen.
F: Sie sind Autor der Phantastik, aber die "Wächter" scheinen nicht so ganz im Genre zu liegen.
A: I wo. Natürlich ist es Phantastik.
F: Was ist das phantastische Genre für Sie?
A: Das ist jede Literatur, die von Gegebenheiten handelt, die nicht in unserer Welt existieren. Das heisst, im weitesten Sinne könnten wir sehr vieles zum phantastischen Genre zählen. "Der Meister und Margarita" ist Phantastik, und selbst Kindermärchen können wir zur phantastischen Literatur zählen. Also alle Bücher, die das beschreiben, was nicht ist und nicht sein kann. Andererseits kann es wissenschaftlich begründet sein – dann ist es Science Fiction. Zum Beispiel, wenn die Helden zu den Sternen fliegen. In der wirklichen Welt gibt es keine Sternenschiffe, aber es ist theoretisch beschrieben, wie einer gebaut werden könnte. Das ist SciFi. Wenn es aber keine Erklärungen gibt, sondern bloß Gegebenheiten, die voraussetzt werden: das ist Magie, das ist Zauber – es wird nicht erläutert, wie sie funktionieren – dann ist es Fantasy, die Phantastik der Märchen.
F: Aber im "Meister und Margarita" gibt es den Teufel. Woher sollen wir wissen, ob es ihn gibt?
A: Der Teufel ist dabei, aber man kann es dennoch nicht ein christliches Buch nennen, auf keinen Fall. Es ist sogar fast ein antichristliches Buch. Es wird mit einem Teil der religiösen Mythologie gearbeitet, sogar mit dem Alten Testament – inklusive des Teufels, aber das macht es noch zu keiner religiösen Literatur. Es ist phantastische Literatur, wo als Aufhänger das Erscheinen des Teufels in Moskau thematisiert wird. Als Gegenbeispiel: "Die Chroniken von Narnia - Der König von Narnia", das Buch, zu dem gerade ein Film gemacht wurde, ist ein tief christliches Werk. Ich hoffe, der Film ist es auch. Obwohl nach dem Plot es die übliche Fantasy ist, ist es dem Aufbau, den Attributen und der moralischen Position nach ein christliches Werk. So eine art Gleichnis in Camouflage. "Der Meister und Margarita" ist jedoch phantastische Literatur, die mit biblischer Terminologie operiert.
F: Als Sie die "Wächter"-Romane schrieben, hatten Sie Parallelen zu dem erwähnten "Meister und Margarita", oder zum "Bratschist Danilow" [Anm: Buch von Wladimir Orlow]?
A: Wohl eher mit "Bratschist Danilow". Sogar die Schaupläte fallen da teilweise zusammen. Die Moskauer Gegend "Ostankino" hat bereits durch das Buch von Orlow einen mystischen Ruhm erlangt. Und "Der Bratschist Danilow" ist auch eher im phantastischen, zauberhaften Genre geschrieben. Wenn wir die naheliegenden Analogien untersuchen wollen, sind die "Wächter" ein Mix aus "Bratschist Danilow" und "Der Montag fängt am Samstag an" [Anm: Buch der Gebr. Strugazki]. Auf den "Montag" gibt es übrigens viele witzige Anspielungen.
F: Sie haben eine recht unerwartete Sicht auf die Konfrontation "Licht gegen Dunkel". Der Unterschied scheint nicht so bedingungslos.
A: Das ist eher der orientalische Ansatz, dieser Dualismus. Die europäische Tradition trennt Licht und Dunkel voneinander wie mit einer Mauer. Das ist das Licht, das ist das Dunkel – ein Schritt nach rechts, und schon landest du auf einer der Seiten. Der Osten ist in dieser Sache sanfter, ruhiger, vielleicht etwas weniger pragmatisch. Und sogar tolerant. Das Wort "Toleranz" in Bezug auf den Osten klingt immer angespannt, aber in Bezug auf Licht und Dunkel ist es anwendbar. Hier geht es darum: im Licht gibt es die Dunkelheit, und in der Dunkelheit das Licht – und alles vermischt sich.
F: Haben Sie sofort unter dieser Prämisse angefangen, oder hat sie sich entwickelt?
A: Sie kam irgendwie von alleine. Vielleicht, weil ich lange in Kasachstan lebte, und das ist immerhin Osten. Und man kann es in der Mentalität der Leute, die von dort kommen, spüren.
F: In "Wächter der Ewigkeit" reisen die Helden umher. Wie kommt's?
A: Erstens ist es ein Versuch, den Handlungsort zu erweitern. Natürlich könnte ich auch in Moskau noch 10 Bücher mit Abenteuern füllen. Das ist leicht. Aber ich glaube, das Element der Reise ist für einen Leser immer anziehend – egal, ob er dort selbst schon mal war, oder nicht. Ich habe mit einem großen Vergnügen eine Exkursion in den Osten gemacht, nach Zentralasien, nach Usbekistan und nach Schottland.
F: Schottland kann man ja noch verstehen. Aber Usbekistan ist etwas unerwartet. Können Sie Ihre Wahl erklären?
A: Es liegt daran, dass in Usbekistan die ältesten Städte der Welt liegen. Da lag der sogenannte "Seidenweg", der Zivilisationen verband. Ich habe letztens ein Buch eines westlichen Autors zu lesen angefangen –"Das Amulett von Samarkand" [Anm: Buch von Jonathan Stroud]. Man würde annehmen – ein englischer Autor, so weit von diesen Dingen entfernt – und selbst bei ihm wird die Schlüsselrolle von einem Amulett, das im alten Samarkand gemacht wurde, gespielt. Im Buch werden dann auch Samarkand und Taschkent erwähnt. Das ist der Osten, das ist Asien, ein Ort mit einer uralten Kultur und Geschichte. Wenn wir diese Länder als rückständig und wild betrachten würden, würden wir ihnen Unrecht tun. Das ist ein etwas anderes Zivilisationsmodell, und es wäre falsch, es als minderwertig zu betrachten.
F: Ihre Beschreibung Samarkands weckt das Gefühl, dass diese Stadt Ihnen persönlich nahe steht.
A: Dort war ich nur einmal gewesen, als Kind. Ich bin in der Nähe aufgewachsen, in Kasachstan. Aber Usbekistan ist eine gute Gegend mit vielen freundlichen Leuten, und ich bin ihnen wohlbesonnen.

F: Haben Sie also Samarkand nicht besucht, bevor Sie das Buch schrieben?
A: Nein. Es gibt einen tollen Film, "Le Magnifique", dort fragt der Verleger seinen Autor "Sie beschreiben Nizza – waren Sie denn da?" Er antwortete: "Nein, ich habe nach Postkarten geschrieben." So habe ich es teilweise gemacht – nach Postkarten. Habe aus meinen Kindheitserinnerungen geschöpft, dann ging ich ins Internet und habe Erinnerungen von Menschen, die kürzlich in Samarkand waren, gefunden. Es gab dort immer irgendwelche lebenden Momente, Erinnerungen, die ein scharfes und lebendes Bild zu schaffen helfen. Ich bin sehr stolz auf die Szene, in der Anton in die Nachtwache von Samarkand spaziert, und es hängt draußen ein Schild "Nachtwache". Und wie sich die Bewohner dazu verhalten: da hängt dieser Schild, was solls, soll er hängen. Keiner regt sich auf, es ist halt so eine Behörde. Und von der anderen Seite im gleichen Gebäude ist dann die Tagwache. Man muss sowieso einander überwachen, also zieht man so ein, dass das Überwachen einfacher geht. Das ist ein wirkliches Bild von Asien.
F: Und das Tal der Dämonen, ist es ein wirklicher Ort?
A: Ja, aber ich habe nicht nach dem festen geographischen Ort davon gesucht. Er liegt nicht ganz da, wie ich beschrieben habe. Aber in Usbekistan gibt es tatsächlich ein Plateau der Dämonen, wo uralte Steine liegen, die an Dämonfiguren erinnern. Es gibt dazu auch viele Legenden, aber ich habe nicht nach diesen Legenden gesucht, sondern habe eine eigene ausgedacht – sie passte sehr harmonisch in den Text.
F: Am Anfang des Buchs hat man das Gefühl, dass Jegor eine größere Rolle bekommen würde, und dann haben Sie ihn gewissermaßen fallenlassen…
A: Ich muss sagen, es war vielleicht ein Fehler, ihn so fallen zu lassen. Am Ende wollte ich noch eine Szene machen, in der Anton und Nadja sich an der Hand haltend über die schlafende Stadt gehen, und den schlafenden Jegor entdecken, der liegt und mit dem Mädchen Lera Händchen hält – das Mädchen, das ihren Freund verloren hatte. Und es wird klar, dass sie sich kennengelernt haben, und dass sie irgendeine Beziehung beginnen würden. Ich hatte diese Szene, aber als ich das Finale schrieb, sah ich, dass sie aus dem Rhythmus fällt. Es wäre wie ein Auszögern vom Ende, da die Ereignisse vorbei sind, und es würde wie eine eingeschobene unangebrachte Episode wirken. Für mich habe ich diese Szene gedanklich gemerkt, und werde sie eventuell irgendwann realisieren. Vielleicht in einer Kurzgeschichte. Vielleicht kehre ich zum Text zurück, schaue ihn mit einem frischen Blick an und mache eine Kurzgeschichte über das Schicksal von Jegor.
F: Normalerweise wird jede Fortsetzung schwächer, als der Vorgänger. Wie haben Sie es geschafft, einen so guten "Wächter der Ewigkeit" hinzukriegen?
A: Wissen Sie…. Erstens fühlte ich, dass ich diese Charaktere vermisse. Ich versuche, nicht zu schreiben, solange ich es nicht selbst will. Um ein gutes Buch zu schreiben, ist das wichtigste – es schreiben zu wollen. Wenn diese Ereignisse für dich interessant sind, werden sie es auch für den Leser. Und das zweite… ich bin da tief reingetaucht. Habe es sehr schnell geschrieben. Das war eine Kraftanstrengung, die ca. 40 Tage dauerte. Jeden Morgen stand ich auf und schrieb täglich zehn, fünfzehn, zwanzig Tausend Zeichen. Das ist sehr viel. Normalerweise schreiben Autoren nicht in diesem Tempo. Und ich mache normalerweise keine solchen Heldentaten. Aber hier hatte ich das Bedürfnis, über den eigenen Kopf zu springen, mir zu beweisen, das ich es kann, es schaffe, so ein superschnelles Projekt hinzubekommen – und zwar gut. Ich glaube, das ist mir gelungen. Das heißt, ich bin in diese Welt eingetaucht und habe dort eine Weile gelebt. Das ist wohl das Effekt des Eintauchens… ich hatte keine Zeit, mich vom Buch loszureißen, mich zu entspannen, an etwas anderes zu denken. Es war ein langer Marathonlauf.
Es gibt Bücher, die wie ein Staffellauf geschrieben werden. Zum Beispiel "Wächter der Nacht", "des Tages" und "des Zwielichts" wurden so geschrieben. Ich schrieb einen Teil, machte eine Pause, schrieb was für die zweite Geschichte, machte eine Pause, nahm mich der dritten an… So kam es zu dieser Struktur – drei miteinander verbundene Geschichten. Hier war es aber ein Marathonlauf, und es gab keine Zeit zum Verschnaufen. Ich habe mir selbst fixe Fristen gesetzt, habe dem Verleger gesagt, dass ich am 5. Dezember das Buch abliefere. Der Verleger griff sich an den Kopf und sagte "Das ist unmöglich", und ich sagte "Doch, ich liefere es ab." Die Verleger haben den Hörer aufgehängt und begannen, Papier einzukaufen. Natürlich hat der Verleger ein riesiges Interesse an diesem Projekt. Und dann sagt ihm der Autor, er liefert in einem Monat ein neues Buch ab, und zwar pünktlich zur Filmpremiere [Anm: der Film "Wächter des Tages" kam in Russland am 1.1.2006, zeitgleich mit dem 4. Buch von Lukianenko]. Man hat mir bis zum Ende nicht geglaubt, denke ich, dass ich es schaffe. Vor allem, wo sie mein normales Arbeitstempo kennen. Und wissen, dass ich normal langsamer arbeite.
Deutsche Übersetzung © Peter Klassen 2007.
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